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Ich finde ihre philosophische Offenheit sehr sympathisch und die Argumentationen auf dieser Seite überwiegend logisch konsistent. Allerdings glaube ich, dass sie die reine Möglichkeit der Existenz Gottes mit einer persönlichen Wunschvorstellung kombinieren und so zu ihrer christlichen Überzeugung gelangen. Dazu ein Zitat von Nietzsche: „Der Hunger beweist nicht, dass es zu seiner Sättigung eine Speise gibt, aber er wünscht die Speise.“ Sie können nun natürlich umgekehrt argumentieren, dass auch ich nur ein Atheist bin, weil mir die Vorstellung eines Gottes nicht gefällt und tatsächlich habe ich mit diesem Gedankenkonstrukt meine Mühe. Dennoch ist es viel mehr so, dass ich an keinen Gott glaube, weil sich mir schlicht der Nutzen dieses Glaubens nicht erschliesst. Genau wie sie komme ich zum Schluss, dass die (heutige) Naturwissenschaft weder die Existenz noch die Nichtexistenz einer höheren Macht beweisen kann. Der Logik gibt (zumindest ein wohlwollender und zugleich allmächtiger) Gott aber diverse Probleme auf. Eines dieser Probleme ist das Euthyphron-Dilemma. Dabei geht es um die Frage, ob etwas ethisch gut ist, weil es dem Willen eines Gottes entspricht, oder ob es an und für sich gut ist und deshalb von diesem Gott gewollt ist.

Trifft der erste Fall zu, so wäre es auch moralisch richtig Sklaven zu halten, falls dieser Gott das so will. Kommt damit Gott aber nicht einem Diktator (und das Befolgen seiner Gebote blindem Gehorsam) gleich? Trifft der zweite Fall zu, brauche ich keinen Gott um gut zu sein. Die einfachste Lösung wäre natürlich Gott von den Gesetzen der Logik zu entbinden. Wenn wir dies tun, können wir aber auch rein gar nichts mehr über seine Natur aussagen und schon gar nicht annehmen, dass Gebote in der Bibel seinen Willen formulieren, oder dass Jesus Christus seine Inkarnation darstellt. Solange diese logischen Probleme unlösbar erscheinen, akzeptiere ich, dass die grundlegende Frage nach dem Sinn des Lebens oder nach einer absoluten Moral offen bleibt und nehme deshalb die Position eines agnostischen Atheisten ein. Nun meine Fragen an sie: Was für einen persönlichen Nutzen hat ihr christlicher Glaube? Und könnten sie sich mit dem Gedanken anfreunden, dass es vielleicht gar keine absolute Moral gibt oder dass unser Leben gar keinen höheren Sinn hat, oder lehnen sie diese Möglichkeit von vornherein ab? Freundliche Grüsse

Herzlichen Dank erst einmal für die netten Worte und die guten Fragen. Meine Überzeugung, dass es stimmt, was Christen glauben, gründet sich allerdings nicht auf der Kombination „der reinen Möglichkeit Gottes“ + „persönliche Wunschvorstellung“, sondern auf einer ganz anderen Kombination – nämlich: „gute objektive Argumente“ + „überzeugende subjektive Gründe“. Gerade von Ersteren lebt dieser Blog.

Auf einer persönlichen Wunschvorstellung basiert der christliche Glaube meines Denkens nach ohnehin nicht, denn ganz ehrlich:

Wer würde sich solch einen Gott wünschen bzw. ausdenken: Gott, der sich selbst erniedrigt, indem er Mensch wird und anderen Menschen die Füße wäscht? Gott, der von seinen Feinden gefangen genommen, geschlagen, gefoltert, gedemütigt, gekreuzigt und sogar letztlich getötet wird? So einen Gott denkt man sich nicht aus und so einen wünscht man sich erst recht nicht. Nein, wenn ich Gott malen dürfte, sähe er ganz anders aus. Von Wunschdenken ist der Gott, an den Christen glauben, weit entfernt.

Und Nietzsche hat Recht, gar keine Frage. Natürlich ist Hunger kein Beweis dafür, dass es Nahrung gibt – aber er ist zumindest ein Hinweis darauf. Die Sehnsucht nach Gott ist demnach natürlich kein Beweis für Gott, vielleicht aber ein Indiz. Das sollte man sicherlich nicht zu hoch hängen, aber Beachtung sollte es durchaus erhalten, denke ich.

Übrigens: Ich würde niemandem vorschnell unterstellen, dass er Atheist ist, weil ihm die Vorstellung von Gott nicht gefällt. Auch Ihnen natürlich nicht. Wer so argumentiert, legt meiner Ansicht nach eh kein sonderlich reifes Verhalten an den Tag. Das Leben ist nun einmal kein Wunschkonzert: Es existieren auch Personen, die mir nicht gefallen. Wer Gott aus diesem Grund ablehnt, sollte sich fragen, ob das eine gesunde Basis für die eigene Weltanschauung ist. Mir sind da Leute lieber, die sich intensiv mit einem Thema beschäftigen und dann am Ende zu einer wirklich gut begründeten Meinung gelangen.

Aber Sie schreiben ja, dass Sie mit dem Thema „Gott“ nicht wirklich etwas anfangen können, weil sich Ihnen „schlicht der Nutzen dieses Glaubens nicht erschliesst.“ Das ist sicherlich eine bessere Haltung, als die gerade angesprochene – die darf man haben. Aber auch hier würde ich – bei allem Respekt – anmerken: Ob sich Ihnen der Nutzen des Glaubens nun erschließt oder nicht, hat natürlich keinen Einfluss darauf, ob das mit Gott stimmt oder nicht. Oder: Nur, weil Ihnen Glaube (derzeit) sinnfrei erscheint, heißt das ja noch lange nicht, dass er das auch wirklich ist. Das hat schon Luther einst ganz richtig übersetzt: „Denn unser Wissen ist Stückwerk“ (1. Kor. 13,9).

In diesem Zusammenhang erstaunt mich der hohe Stellenwert, den Sie den „logischen Probleme“ zugestehen, die man zweifelsohne an den christlichen Glauben richten kann. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich bin ein großer Freund davon, auch mit seinen „harten Fragen“ nicht hinter’m Berg zu halten – gerade bei einem so wichtigen Thema wie „Gott & Glaube“ . Aber auch hier gilt: Nur, weil Ihnen ein logisches Problem als unlösbar erscheint, heißt das ja noch lange nicht, dass es das auch wirklich ist.

Das lässt sich ganz praktisch an dem von Ihnen eingebrachten „Euthyphron-Dilemma“ zeigen: Hierbei handelt es sich bei näherer Betrachtung um gar kein Dilemma – wir haben es vielmehr mit einem „falschen Dilemma“ zu tun. Warum? Nun, weil es hier noch eine dritte Möglichkeit gibt. Die ersten beiden lauten ja: Entweder untersteht Gott moralischen Prinzipien, die über ihm stehen, oder aber Gott steht über den moralischen Prinzipien. Es gibt aber noch die Möglichkeit, dass Gott und moralische Prinzipien auf einer Höhe stehen.

Wie das? Nun, z.B. so, dass moralische Prinzipien zu den grundlegenden Eigenschaften Gottes gehören. Es zieht sich ja wie ein roter Faden durch die biblischen Texte, dass Gott gerecht, gnädig, heilig und liebend ist, nicht lügen kann usw. Das legt den Gedanken nahe, dass moralische Prinzipien unabänderlich zu Gottes Wesen gehören. Damit gibt es aber kein Dilemma mehr.

Weder untersteht Gott externen moralischen Prinzipien, die über ihm stehen, noch sind Gottes Gebote willkürliche Äußerungen von jemandem, der selber keine moralischen Prinzipien hat (oder haben kann), sondern Gott handelt gemäß moralischen Prinzipien, die ihm zu eigen sind. Und demnach kann ich Gottes Gebote als ethisch verantwortliche Person befolgen. Ich muss weder befürchten, dass Gott mir morgen sagt, ich soll mir Sklaven halten oder Kinder umbringen, noch kann ich ohne Gott zu richtigen moralischen Prinzipien gelangen.

Sie sehen: Das, was uns ein Bertrand Russell oder ein Michael Schmidt-Salomon weißmachen wollen, ist in Wirklichkeit gar nicht so „dilemmatös“, wie uns vorgegaukelt wird. Und nicht nur dieses vermeintliche „logische Problem“ löst sich bei näherer Betrachtung in Luft auf, führen Sie gerne weitere Denkexperimente dieser Art an und Sie werden merken, dass der Bremsklotz, der von einer näheren Prüfung des christlichen Glaubens abhält, im Grunde viel brüchiger ist, als vielleicht angenommen.

Aber Sie hatten letztlich noch zwei Fragen, die ich natürlich auch noch gerne beantworte: a) Was für einen persönlichen Nutzen hat ihr christlicher Glaube? b) Und könnten sie sich mit dem Gedanken anfreunden, dass es vielleicht gar keine absolute Moral gibt oder dass unser Leben gar keinen höheren Sinn hat, oder lehnen sie diese Möglichkeit von vornherein ab?

Fangen wir mit der ersten Frage an: Als ich, der einem atheistischen Elternhaus entspringt, vor wenigen Jahren anfing, mich mit dem christlichen Glauben zu beschäftigen, war meine Frage gar nicht so sehr: „Was nutzt mir der Glaube eigentlich?“, sondern vielmehr: „Stimmt das, was Christen glauben?“ Die Wahrheitsfrage hatte (und hat) für mich einen weitaus höheren Stellenwert als die Nutzenfrage. Denn nur, weil etwas subjektiv gesehen (viel) nutzt, muss es ja nicht zwangsläufig wahr sein. Das mag manche Menschen nicht abhalten oder stören – mich schon.

Und eines dürfte sicherlich klar sein: Wenn es stimmt, was Christen glauben, und man diesen Glauben lebt, hat das natürlich enorme Auswirkungen auf das eigene Leben: Angefangen damit, dass man gewiss sein kann, dass man nicht mehr nur diese 80 Jahren hat, in die man möglichst viel reinpressen muss. Nein, es gibt schon durchaus eine große gesunde Portion von Gelassenheit, weil ich weiß: „Das Beste kommt erst noch.“ Diese Sicht macht natürlich etwas mit meinem Leben im Hier und Jetzt. Es verändert z.B. meine Prioritäten, die ich mir setze.

Auch der Umgang mit Problemen ist ein ganz anderer geworden, den Vergleich „vorher-nachher“ kenne ich aufgrund meiner Biographie ganz gut. Natürlich ist es nicht so, dass man Christ wird und schlagartig alle Probleme sich in Luft auflösen. Nein, wer das behauptet, lügt. Aber der Umgang ist wie gesagt ein anderer: Weil ich eben weiß, dass es eben keine billige Vertröstung, sondern blanke Realität ist, dass Gott ein liebender Vater ist, der sich kümmert – der jedes seiner Geschöpfe unendlich liebt. Ich weiß also:

Auch wenn es einmal schwer wird oder gar schon ist: Gott ist da. Und es wird so ausgehen, wie es für mich letztlich das Beste ist.

Natürlich kommt es nicht selten vor, dass meine Vorstellung vom „Besten“ durchaus abweicht von Gottes Vorstellung, was für mich „das Beste“ ist – das genau sind aber die Momente, wo man Vertrauen zeigen darf. Christsein meint schließlich nichts anderes als das: eine persönliche und vertrauensvolle Beziehung mit Gott zu haben. Und natürlich gilt auch hier, wie in jeder anderern Beziehung auch: Von nichts kommt nichts. Vertrauen muss sich verdient werden. Und Gott hat sich mein Vertrauen bislang durchweg verdient. Das lässt den Umgang mit den schwierigen Zeiten des Lebens wie gesagt vollkommen anders werden.

Ich könnte noch mehr erzählen, aber das würde wahrscheinlich an dieser Stelle zu weit führen. Ansonsten kann ich aber gerade bei diesem Thema auf einen empfehlenswerten Vortrag mit dem Titel „Glauben – Was könnte mir das eigentlich bringen? – Von Kosten, Nutzen und warum die Frage erlaubt ist„. Mit Prof. Dr. Matthias Clausen hat dieser wunderbare Vortrag auch einen wunderbaren Referenten.

Zu Ihrer zweiten Frage: Könnte ich mich mit dem Gedanken anfreunden, dass es vielleicht gar keine absolute Moral gibt oder dass unser Leben gar keinen höheren Sinn hat? Nun, solange mich kein Standpunkt mehr überzeugt als der christliche, habe ich keinen Grund davon auszugehen, an einer absoluten Moral und einem höheren Lebenssinn zu zweifeln – beides begründet sich schließlich in Gott. Sie sehen: Auch hier spielt die Frage „Stimmt es, was Christen glauben?“ (mal wieder) die entscheidene Rolle.

Stimmt es, haben wir in Gott einen moralischen „Gesetzgeber“, der sich nichts Sehnlicheres wünscht als mit jedem seiner Geschöpfe in einer vertrauensvollen und liebevolle Beziehung zu sein. Stimmt das mit Gott im Allgemeinen nicht, gibt es natürlich keine absolute Moral, dann bestimmt die Mehrheit in einer Gesellschaft, was gut und was schlecht ist. Problem dabei ist nur: Wenn eine Gesellschaft A Witwenverbrennungen als moralisch richtig akzeptiert (wie die indische), dürfte eine Gesellschaft B, die Witwenverbrennungen klar ablehnt (wie die deutsche), Gesellschaft A für ihr Vorgehen nicht kritisieren – schließlich gibt es keine absolute Moral, die dieses „Ritual“ verbietet.

Aber wer würde in Gesellschaft B schon so denken? Mindestens insgeheim, aber wahrscheinlich eher offensiver werden Menschen gehen die brutalen Machenschaften und Vorgehensweisen von Gesellschaft A protestieren. Zu Recht, wie ich finde – aber gegen die Idee einer „relativen Moral“.

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