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Die Idee eines liebenden Gottes, der auf Schritt und Tritt nicht nur unsere Taten und Worte, sondern auch permanent unsere Gedanken kontrolliert ist mehr als unheimlich.

Danke für diesen Einwand, der allerdings ein Gottesbild skizziert, das mir als Christ wenig vertraut ist. Als solcher glaube ich ja gerade nicht an einen Gott, der sagt:

“Pass auf, ich sehe dich. Ich sehe dich ständig. Ich weiß, was du denkst und tust und wenn du nicht tust, was ich von dir möchte, dann mache ich dir Druck. Ich ziehe eine Schnur vor deinen Füßen auf und wenn du diese Schnur auch nur ein klein bisschen übertrittst, dann kriegst du gewaltigen Ärger.”

Nun stellt sich freilich die Frage, mit welcher Berechtigung ich überhaupt sagen darf, dass Gott so nicht ist. Wieso sollte mein Bild von Gott richtiger sein als das Ihrige? Nur, weil es meins ist? Nein, das wäre eine nichtige Begründung. Vielleicht überrascht es Sie, ich würde aber dennoch sagen: „Im Grunde kann ich persönlich nichts von mir aus über Gott sagen.“ Wie sollte ich auch? Es sei denn – und nun kommt der springende Punkt -, es sei denn, Gott sagt etwas über sich selbst. Wenn es ihn denn gibt, befindet er sich auf einer völlig anderen Wirklichkeitsebene als wir, also können wir nichts über ihn sagen, es sei denn, er teilt sich uns mit.

Und hier treffen wir auf einen zentralen Aspekt des christlichen Glaubens: Christen glauben, Gott hat sich mitgeteilt, er hat gezeigt, wie er ist, seinen Charakter, sein Herz, sein Wesen. Nicht in einer Ideologie, auch nicht in einer Institution wie der Kirche und selbst nicht primär in einem Buch, sondern in erster Linie in einer Person: in der Person Jesus Christus. Und wenn man sich mal anschaut, wie Jesus im Neuen Testament beschrieben wird, was er also sagt und tut, dann werden wir hier mit einer Person konfrontiert, die einen absoluten steilen Anspruch erhebt, der da lautet:

„Wer mich sieht, der sieht Gott. Ich stehe hier an Gottes Stelle.”

Und Jesus drückt Gottes (sprich: sein eigenes Wesen) an einer Stelle für viele recht verblüffend dar, wenn er sagt:

„Wisst ihr was? Gott ist wie eine Frau.”

“Was?!”, sagen die Leute. “Ja”, sagt Jesus, “Gott ist wie eine Frau, die zehn silberne Münzen besitzt. Und diese Münzen sind ihr ein und alles.” Ich stelle mir diese Frau so vor: Eines Morgens steht sie auf und geht sie zu ihrer kleinen Kommode, in der sie in der obersten Schublade ihre zehn geliebten Silbermünzen drin liegen hat. Und die zählt sie jeder Morgen voller Lust und Freude durch, weil ihr so viel an ihnen liegt (vielleicht kommt sie aus Schottland?). Und sie zählt: “Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn.” Wunderbar, alle noch da. Sie legt die Münzen wieder zurück, macht die Schublade zu und beginnt zufrieden ihr Hausarbeit.

Abends kommt sie wieder zurück, geht in das Zimmer, in dem die Kommode die mit den Münzen steht, öffnet wieder die Schublade und beginnt zu zählen. “Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, …” “Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun…” Oh nein! Eine fehlt, wo ist sie hin, heute morgen waren sie alle noch da. Sie schaut unter den Teppich, hinter die Komodo, rückt Mübel von der Wand, schiebt die Tische zur Seite und sucht und sucht und sucht. Und irgendwann, da hat sie diese eine fehlende Münze wiedergefunden.

Und was tut eine Frau in solch einem Fall, wenn sie etwas findet, dass sie schon lange gesucht? Logisch: Sie rennt zu ihren Freundinnen und Nachbarinnen und erzählt es allen. Sie sagt: “Meine Münze, mein Erbstück, mein Schatz, den ich so vermisst habe, endlich ist sie wieder da. Kommt, feiert mit mir!”Das mag sich für Sie nun möglicherweise ungewohnt anhören, aber genauso glauben Christen, ist Gott: Er sucht nach jeden einzelnen Menschen.Wenn ihm auch nur der Kontakt zu einem einzigen Menschen abhanden gekommen ist, sich ein Mensch von ihm entfremdet, sich von ihm abwendet oder angefangen hat, ihm zu misstrauen, dann lässt das Gott keine Ruhe. Und er läuft dem Menschen nach, sucht ihn, bis er ihn gefunden hat. Weil er jedem einzelnen mit seiner Liebe begegnen will und jeden einzelnen Menschen unendlich wertvoll findet.

Das ist der Gott, an den wir Christen glauben. Der Gott, der selbst Mensch geworden ist, um Kontakt mit seinen Geschöpfen zu haben. Denn warum sonst, nach christlicher Auffassung, kommt Gott sonst auf die Erde, wird Teil seiner eignen Schöpfung. Was bringt ihn dazu? Ich versuche das einmal, an einem Bild zu verdeutlichen, ein Bild, dass ein wenig Fantasie erfordert und auch zugegebenermaßen etwas banal ist, aber zur Darstellung dennoch sehr gut ist.

Stellen wir uns vor, auf meiner Hand leben ein paar Ameisen und unterhalten sich über die Existenz von Stephan Lange (das bin ich). Unter den Ameisen sind einige sehr gläubige Ameisen, die sagen: “Ich bin sicher, dass Stephan Lange existiert, ich kann ihn deutlich spüren.” Und da gibt es Ameisen, die da sagen: “Naja, naja, ich weiß ja nicht so recht. Vielleicht ist Stephan Lange auch nur eine Illusion.” Nun kommt das Bild an einer erste Grenze. Stellen wir uns vor: Ich liebe diese Ameisen über alles. Ich möchte mit ihnen in Kontakt sein, in ein Gespräch mit ihnen kommen, damit sie lernen, mir zu vertrauen. Ich möchte mich eindeutig mitteilen. Wie könnte ich das anstellen?

Eine erste Möglichkeit: Ich klatsche meine beiden Hände einmal ordentlich zusammen, dann habe ich mich absolut klar und deutlich mitgeteilt, aber es mangelt mir anschließend an Gesprächspartnern. Eine zweite Möglichkeit: Ich sage einmal laut: “Hallo?”, dann sind die Ameisen wahrscheinlich taub (wie gesagt, das Bild ist etwas banal). Die dritte Möglichkeit: Ich müsste es irgendwie schaffen, mich in die Welt der Ameisen zu begeben, eine von ihnen werden, damit wir uns auf Augenhöhe begegnen können. Damit ein echtes Gespräch auch überhaupt erst einmal stattfinden kann.Wie gesagt, das Bild hat seine Grenzen und ist zudem etwas platt, aber beschreibt mit seinen Möglichkeiten genau das, was Gott nach christlicher Auffassung getan hat: Gott kommt in Jesus auf unsere Augenhöhe, um das Gespräch mit uns zu eröffnen, weil er sagt:

“Ihr fehlt mir. Ich möchte Kontakt mit euch haben. Ich komme in einer Art und Weise, die ihr verstehen könnt, damit ihr lernt, mir zu vertrauen.”

Das ist der Gott, an den Christen glauben. Was wäre, wenn Gott wirklich so wäre? Ich denke: Wenn er wirklich so wäre, dann kann einem wohl nichts Besseres passieren, als auf dieses Angebot einzugehen.

 

 

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