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Liebt mich Gott, auch wenn ich lesbisch bin? Mir wird immer wieder von gläubigen Menschen nahegelegt, dass Gott von mir angewidert ist und ich nicht in die Kirche gehen soll, weil ich ihn damit beschäme. Ich möchte aber Jesus in meinem Leben haben, habe mich aber in eine Frau verliebt (als Frau), bin ich jetzt schlecht in Gottes Augen? Er hat mich doch so gemacht… 🙁

Danke erst einmal für die Frage. Es bestürzt mich immer wieder, wenn ich von solchen Christen höre, die Sie hier beschreiben. Natürlich liebt Jesus Sie – die Aussage, dass Gott jeden von uns bedingungslos liebt, ist nun einmal keine leere Floskel, sondern blanker Ernst. Jesus liebt jeden Menschen, wirklich jeden.

Jesus liebt sogar (um einmal das aus menschlicher Sicht verworrenste Beispiel zu wählen) jeden einzelnen der IS-Kämpfer, die derzeit Hunderte von Christen in Syrien und Irak grausam ermorden. Warum? Weil Gott zwischen der „Person“ und dem „Verhalten der Person“ trennt. Sie kennen sicherlich die Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin. Hier kommt sie noch einmal kurz:

Da kamen die Schriftgelehrten und die Pharisäer mit einer Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte, sodass jeder sie sehen konnte. Dann wandten sie sich an Jesus. »Meister«, sagten sie, »diese Frau ist eine Ehebrecherin; sie ist auf frischer Tat ertappt worden. Mose hat uns im Gesetz befohlen, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du dazu?« Mit dieser Frage wollten sie Jesus eine Falle stellen, um dann Anklage gegen ihn erheben zu können. Aber Jesus beugte sich vor und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

Als sie jedoch darauf bestanden, auf ihre Frage eine Antwort zu bekommen, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: »Wer von euch ohne Sünde ist, der soll den ersten Stein auf sie werfen.« Dann beugte er sich wieder vor und schrieb auf die Erde. Von seinen Worten getroffen, verließ einer nach dem anderen den Platz; die ältesten unter ihnen gingen als Erste. Zuletzt war Jesus allein mit der Frau, die immer noch da stand, wo ihre Ankläger sie hingestellt hatten. Er richtete sich auf. »Wo sind sie geblieben?«, fragte er die Frau. »Hat dich keiner verurteilt?« – »Nein, Herr, keiner«, antwortete sie. Da sagte Jesus: »Ich verurteile dich auch nicht; du darfst gehen. Sündige von jetzt an nicht mehr!«

Wir sehen: Jesus trennt zwischen der Person und ihrem Verhalten – diese Trennung ist also „im Sinne des Erfinders“. Gott liebt die Ehebrecherin, heißt aber gleichzeitig Ehebruch nicht gut. Das ist offenkundig ein herausforderndes Spannungsfeld. Wer diese Trennung nicht vornimmt, handelt aber eben nicht „im Sinne des Erfinders“; es darf dann also mit Recht von einem bibel-inkompatiblen Verhalten gesprochen werden.

Dessen machen sich Ihre christlichen Bekannten leider schuldig. Deren Aussagen, der Gemeinde fernzubleiben und sogar die vermessene Behauptung in den Raum zu stellen, Gott wäre von Ihnen „angewidert“, lassen wahrlich kein gutes Licht auf sie fallen. Gerade vor dem Hintergrund solcher Apelle wie „Begegnet allen Menschen mit Achtung, liebt eure Glaubensgeschwister.“ (1Pet 2,17)

Aber auch hier gilt natürlich: Gott liebt Ihre Bekannten, nicht aber ihr Verhalten Ihnen gegenüber. Mein Wunsch für Sie wäre daher: Seien Sie vorbildlicher in der Nachfolge Jesu als es Ihre Bekannten sind. Etwas biblischer ausgedrückt: „Handelt den Menschen gegenüber in allem so, wie ihr es von ihnen euch gegenüber erwartet.“ (Matt 7,12) Und seien Sie versichert: Jesus liebt Sie, er ist für Sie am Kreuz gestorben. Einen größeren Beweis seiner Liebe kann es nicht geben.

Es steht somit außer Frage, dass Gott sie als Person unendlich liebt. Das heißt aber freilich nicht, dass er auch homosexuelles Verhalten gut heißt. Wie gesagt: Gott liebt homosexuell empfindende Menschen, heißt aber gleichzeitig ausgelebte Homosexualität nicht gut.

In der Gesellschaft erklingt nun oft die Sorge, Christen seien homophob oder würden sich gegen homosexuelle Identitäten richten. Und sicherlich: Christen, denen die Trennung zwischen Person und Verhalten nicht gelingt, tragen zu dieser Kritik bei – unberechtigt ist sie also (leider) nicht. Es mag dann auch eher nur ein schwacher Trost sein, dass nicht nur die Gesellschaft, sondern sogar die Bibel selbst Homophobie verurteilt.

„Moment“, haken Sie nun vielleicht ein, „aber Gott hat mich doch so gemacht.“ Sicherlich, vor einigen Jahren wurde die sexuelle Orientierung eines Menschen in der Sexualforschung als eine früh festgelegt, stabile und letztlich unveränderbare Eigenschaft angesehen. Diese Ansicht steht inzwischen aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven nicht mehr so sattelfest da.

Soweit ich den aktuellen Forschungsstand richtig überblicke, gibt es bislang keine wissenschaftliche Untersuchung, die eine biologische oder genetische Ursache für Homosexualität nachweist, und darüber hinaus durch Folgestudien bestätigt wurde. Gut belegt ist hingegen nur, dass Veränderungen in der sexuellen Orientierung nicht selten spontan (und insbesondere in der Zeit der Adoleszenz) geschehen.

Der renommierte US-Genetiker Dean Hamer versuchte z.B., männliche Homosexualität mit einem DNS-Abschnitt an der Spitze des X-Chromosomens in Verbindung zu bringen – also dem Chromosomen, das Männer von ihren Müttern erben. Hamer schreibt über seine Forschung:

Wir wussten, dass Gene nur ein Teil der Antwort sein würden. Wir nahmen an, dass auch die Umwelt eine Rolle bei der sexuellen Orientierung spielt – wie sie es bei fast allen, wenn nicht bei allen Verhaltensweisen tut. …

Die Verwandtschaftsuntersuchungen ergaben nicht, was wir ursprünglich zu finden gehofft hatten: einfache Mendelsche Vererbung. Tatsächlich fanden wir keine einzige Familie, in der Homosexualität nach den Mendelschen Gesetzen, wie Mendel sie bei den Erbsen fand, weitergegeben worden wäre.

Wichtiger ist noch: Als Hamers Untersuchung von den Neurologen George Rice und George Ebers auf einer solideren Datenbasis wiederholt wurde, zeigte sich, dass die genetischen Marker keinerlei Signifikanz aufwiesen. Rice & Ebers kamen zu dem Schluss:

Es ist unklar, warum unsere Ergebnisse so anders als die Ergebnisse der Hamer-Studie sind. Da unsere Studie größer angelegt war, hätten wir einen genetischen Einfluss in der Größe, wie Hamer sie beschrieb, finden müssen. Aber unsere Daten können das Vorhandensein eines Gens XQ 28, das die sexuelle Orientierung nachhaltig beeinflussen würde, nicht stützen.

Oder: Der Neurowissenschaftler Simon LeVay untersuchte den Hypothalamus, einen Abschnitt des Zwischenhirns, und fand Unterschiede bei (bereits verstorbenen) homosexuellen und heterosexuellen Männern. Er äußert folgende Kritik an seiner eigenen Untersuchung:

Es ist wichtig zu betonen, was ich nicht fand. Ich habe nicht nachgewiesen, dass Homosexualität genetisch ist. Ich habe auch keine genetische Ursache für Homosexualität gefunden. Ich habe nicht nachgewiesen, dass homosexuelle Männer so geboren sind – der häufigste Fehler, der bei der Interpretation meiner Forschung gemacht wird. Ich habe auch kein homosexuelles Zentrum im Gehirn gefunden.

Vor dem Hintergrund solcher Ergebnisse wäre es aus meiner Sicht etwas zu vorschnell, Homosexualität als angeboren und damit unveränderlich zu betrachten. Wäre dem der Fall, wäre es auch der Niedergang für all diejenigen, die unglücklich mit ihrer homosexuellen Orientierung sind – und davon gibt es freilich nicht wenige, auch wenn wir in den Medien zumeist nur von denen hören, die ihre Homosexualität offensiv wie zufrieden vertreten.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Homosexuell empfindende Menschen haben natürlich das Recht, eine selbstbestimmte, homosexuelle Identität anzunehmen. Sie haben aber auch das Recht, Wege der Veränderung zu gehen mit dem Ziel der Abnahme ihrer homosexuellen Gefühle. Wie gesagt: Es gibt nicht wenige Homosexuelle, die davon überzeugt sind, dass Sex mit Menschen des eigenen Geschlechts ihre tiefste Identität als geschlechtliche Person, als Frau oder Mann, nicht widerspiegeln kann.

Sie suchen konstruktive Wege zur Veränderung ihres Verhaltens, zur Abnahme ihrer homosexuellen Empfindungen und – soweit es ihnen möglich ist – auch zur Entwicklung ihres heterosexuellen Potentials. Oft wünschen sie sich eine Ehe oder ein Leben, das auch ohne das praktische Ausleben ihrer Homosexualität als glücklich und erfolgreich zu beurteilen ist.

Ich erlaube mir noch eine Schlussbemerkung, die nicht vollkommen, aber vielleicht halbwegs zu Ihrer Eingangsfrage passt: Vergessen Sie nicht, dass gerade weil Jesus Sie so sehr liebt, er natürlich gerne ihr Gesprächspartner sein möchte. Treten Sie also in den Dialog mit ihm, erzählen Sie ihm von Ihren Sorgen, Befürchtungen und Ängsten – schonungslos, ehrlich und offen. Gehen Sie auch gerne kritisch ins Gericht mit ihm, er verkraftet das.

Und wenn sie Gebet nicht als Einbahnstraße, sondern als ernst gemeinte Dialogplattform, und Jesus nicht als inhaltslose Vertröstung, sondern als gesprächsbereiten Gott sehen, warten Sie gespannt darauf, was er in Ihrem Leben bewirkt.

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