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Ich habe (fast) gänzlich meinen Glauben verloren. Vor ein paar Jahren begann ich rein aus Interesse und Neugier nach und nach ALLES zu hinterfragen: die Entstehung der Welt, Bibelkanon, Theodizee, andere Religionen, etc. Habe einschlägige Literatur sowohl von Atheisten als auch von überzeugten Christen „studiert“. Es ist manchmal ein kleines Auf und leider meist ein großes Ab. Zu viele Ungereimtheiten, Widersprüche, tlw. viel sich „schönreden“ etc. Das Gefühl, dass Jesus nach wie vor existiert und tatsächlich Einfluss auf mein Leben hat war NIE und ist NICHT präsent. Da hilft es mir nicht, wenn es hier und da gute objektive Gründe gibt, wenn die subjektiven gänzlich fehlen. Die Argumente warum die Einen Jesus erleben (und ihn vielleicht gar nicht suchen) und die Anderen nicht (obwohl sie ihn suchen) greift viel zu kurz und wirkt sehr willkürlich und zufällig. Vielmehr habe ich das Gefühl, wie so viele, dass es da irgendetwas Höheres wie Gott geben muss (Wunschvorstellung?). Dieses Gefühl trägt aber mittlerweile eher deistische bzw. panentheistische Züge. Lösung keine in Sicht.

Danke für diese ehrlichen Gedanken. Ich finde es zunächst einmal vorbildlich, dass Sie Ihren Glauben kritisch reflektiert haben. Die Themen, die sie genannt haben, sind allesamt wichtige Themen, denen man sich stellen sollte, wenn man einen reflektierten Glauben leben möchte. Im Grunde sind Ihre kritischen Rückfragen sogar weitgehend die, denen auch ich einst intensiv auf den Zahn gefühlt habe.

Ich würde aber – bei allem Respekt – den objektiven Grundlagen doch mehr Beachtung schenken. Warum? Ganz einfach: Falls Sie vielleicht schon Ihre Probleme damit haben, dass Gott überhaupt existiert, Jesus gelebt hat, seine Lebensberichte historisch zuverlässig sein sollen, er gekreuzigt wurde et cetera, dann ist es sehr nachvollziehbar, dass Sie sich einer Behauptung wie „Jesus lebt und ist deshalb auch heute noch erlebbar“ (unbewusst) nicht recht öffnen können bzw. wollen.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich finde all solche Fragen exzellent und ich bin davon überzeugt, dass es auch auf sie gute Antworten gibt. Aber wenn man berechtigte Bauchschmerzen bei den „Basics“ hat, sollte man zuallererst sie klären. Denn wenn z.B. die Evangelien vielleicht eh nur Unsinn erzählen, wie soll das dann mit Jesus wahr sein?

Das ist freilich nur eine Möglichkeit, warum es bislang am Subjektiven mangelt. Eine anderer Zugang sind aber auch immer wieder unsere eigenen Motive, die wir mit dem „Christ werden“ verbinden. Ich habe im Laufe der Zeit viele Menschen kennengelernt, die immer wieder ihre Versuche mit Gott gemacht haben, nicht aber, weil Sie Gott dienen, sondern weil sie sich von Gott bedienen lassen wollten.

Timothy Keller schreibt eben völlig zu Recht:

Seien wir ehrlich: Wir beginnen unsere Reise zu Gott praktisch alle, weil wir etwas von ihm wollen. Aber wir müssen uns der Tatsache stellen, dass wir ihm unser ganzes Leben schulden – wegen dem, was er bereits für uns getan hat. Er ist unser Schöpfer und allein schon deswegen stehen wir in seiner Schuld. Er ist sogar unser Erlöser, der uns zu einem ungeheuren Preis freigekauft hat. […]

Wenn wir unsere Reise zu Gott beginnen, denken wir meistens: „Was muss ich machen, um dieses oder jenes von ihm zu kriegen?“ Aber vielleicht sollten wir uns lieber fragen: „Was muss ich tun, um ihn zu kriegen?“ Wenn Sie diesen Schritt nicht gehen, werden Sie nie den wirklichen Gott kennen lernen, sondern an irgendeine Karikatur von ihm glauben.“

Keller beendet sein Buch („Warum Gott? Vernünftiger Glaube oder Irrlicht der Menschheit„) mit einer Geschichte, der er selbst erlebt hat und die vielleicht auch in unseren Kontext passt. Er berichtet davon, wie eine Frau aus seiner Gemeinde zu ihm kam und klagte, dass sie immer wieder und wieder ehrlich gemeinte Gebete gesprochen hat, um glauben zu können: “Gott, hilf mir, dass ich Dich finde.”

Aber ihr ganzes ehrliches Beten hatte zu ihrer Enttäuschung nichts genutzt. Eine christliche Freundin schlug ihr vor, das Gebet zu ändern und zu sagen: “Gott, komm‘ Du zu mir und finde Du mich. Du bist doch der Gute Hirte, der dem verlorenen Schaf nachgeht.” Und Keller schreibt weiter:

Als die Frau mir dies erzählte, sagte sie zum Schluss: “Der einzige Grund, warum ich Ihnen diese Geschichte erzählen kann, ist der: Er hat es getan!”

Auch das ist natürlich wieder nur eine Möglichkeit, warum es bisher am Subjektiven mangelt. Einen weiteren Antwortvorschlag gibt uns der leider vor wenigen Jahren verstorbene Hans P. Royer in seinem Vortrag: „Warum erlebe ich so wenig mit Jesus?“

Vielleicht war ja einer dieser Antwortvorschläge für Sie hilfreich, vielleicht trifft aber auch keiner von ihnen Ihre konkrete Situation. Haken Sie in diesem Fall gerne weiterhin kritisch nach, das ist eine sehr gesunde Einstellung, wie ich finde.

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