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Die Vielfalt der Götter und verschiedenen Religionen ist einer der stärksten Beweise gegen die Existenz eines Gottes.

Danke für dieses sehr gute Argument. Gerade in der heutigen Zeit, die eine Vielzahl an unterschiedlichen Weltanschaaungen kennt, gehört der Einwand, dass diese Vielfalt wohl eines der stärksten Argumente gegen die Existenz Gottes ist, zu den meistgenannten überhaupt. Denn es ist in der Tat unmöglich, Es ist unmöglich, dass z.B. der Buddhismus und der Islam oder auch der Islam und das Christentum gleichzeitig Recht haben, da sich deren Behauptungen gegenseitig ausschließen. Ich würde diesem Punkt absolut zustimmen.

Zu einem ersten Problem kommen wir aber dann, wenn wir denken, dass wir uns der Vermessenheit entledigen, indem wir sagen: „Keine der Religionen hat Recht, alle sind menschengemacht.“ Warum? Weil der vermessene Standpunkt damit nicht ausgelöscht, sondern lediglich verlagert wird: Nun sagt nämlich nicht mehr der Vertreter der theistischen Weltsicht X, dass alle anderen theistischen (und alle atheistischen) Weltbilder falsch liegen – sondern: Nun sagt der Vertreter der atheistischen Weltsicht, dass alle theistischen Weltbilder falsch liegen. Das ist natürlich nicht weniger vermessen.

Jeder, der eine Meinung dazu hat, was die Welt im Innersten zusammenhält, läuft folglich Gefahr, vermessen zu sein bzw. zu werden. Jeder sagt natürlich von sich, dass seine Sichtweise die richtige ist – der Atheist sagt das von seiner, der Agnostiker von seiner, der Pluralist von seiner, der Buddhist von seiner, der Moslem von seiner, der Christ von seiner usw. Das ist nur menschlich. Wer sich selbst und seinen Standpunkt ernst nimmt, kann auch gar nicht anders – natürlich gilt es zu vermeiden, dass das Ganze in Arroganz und Vermessenheit mündet.

Nein, irgendein Standpunkt (egal ob theistisch, atheistisch, agnostisch etc.) muss sogar der richtige sein, Sie haben es ja schon ganz richtig gesagt: Es kann nicht sein, dass zwei Standpunkte, die sich gegenseitig widersprechen, gleichzeitig wahr sein können. Und es können auch nicht die Recht haben, die sagen: „Kein Standpunkt ist wahr.“ Denn dann wäre ja auch der Standpunkt, dass kein Standpunkt wahr ist, nicht wahr – das geht aber leider nicht. Wir sehen: Selbst dann, wenn wir alle Weltsichten berücksichtigen, kann es nicht sein, dass niemand bzw. zwei oder mehrere Recht haben. Irgendeiner muss richtig liegen, die Frage ist nur: wer?

Aus meiner Sicht wäre es nun sehr falsch zu denken, dass selbstverständlich der eigene Standpunkt der richtige ist – eben aus dem Grund, weil es ja schließlich der eigene Standpunkt ist. Das wäre irgendwie genauso krumm, wie die Leute, die sagen: „Die Bibel ist wahr, weil die Bibel nun einmal wahr ist.“ Ich denke, es bleibt uns bei der Suche nach Wahrheit also gar nichts anderes übrig, als uns zunächst einmal die Gründe für die Weltsicht X anzuhören und anschließend zu beurteilen, ob die  vorgebrachten Argumente so gut sind, dass man X einmal ernsthafter unter die Lupe nimmt.

Im Einwand wird nun aber ein Argument gegen die Existenz Gottes angeführt – nämlich:

Die Vielfalt der Götter und verschiedenen Religionen ist einer der stärksten Beweise gegen die Existenz eines Gottes.

Das ist natürlich ein ernst zu nehmender Einwand, der als Frage formuliert ungefähr so lauten dürfte:

Wenn es Gott gibt und er will, dass alle Menschen errettet werden, warum macht er es ihnen dann so schwer? Gäbe es ihn wirklich, hätte er die religiöse Vielfalt, die wir heutzutage sehen, doch niemals zugelassen.

Oder ganz kurz gefasst: „Warum lässt Gott so viele Religionen zu?“ Wie gesagt: Eine gute und berechtige Frage. Und es stimmt ja: Wir haben es hier mit einem sehr starken Gegenargument zu tun, wenn sich zeigt, dass Gott keine guten Gründe dafür haben kann, solch eine religiöse Vielfalt zuzulassen; wenn also die Existenz vieler Gottesvorstellungen und Religionen im Widerspruch zur Existenz Gottes steht.

Wir stellen zunächst fest: Religionen spiegeln das Wesen des Menschen wider: seine Sehnsucht nach “Mehr”, auch nach Gott. Seine Erwartung, Gott oder das Göttliche müsse sich aber so ähnlich verhalten, wie er es unter Menschen gewohnt ist. Seinen Versuch, sich einen Reim auf die Unübersichtlichkeit der Wirklichkeit zu machen, über sich selbst hinauszugreifen u.v.m. Dabei kommt schließlich die Vielzahl an Religionen heraus. Christen sagen nun: Gott lässt sie zu, weil er uns Menschen eben menschlich gemacht hat, und dazu gehört unsere Fehlbarkeit. Wohlgemerkt: Nicht fehlerhaft hat er uns gemacht, aber fehlbar, mit der Freiheit zu scheitern – sonst wären wir nicht wirklich frei.

Das ist sogar eine der ersten Auskünfte der Bibel, die gerade für unsere aktuelle Frage sehr zentral ist: Gott will eine Beziehung zu einem freien Gegenüber. Anders formuliert: Gott wünscht sich nichts Sehnlicheres, als mit jedem seiner Geschöpfe eine vertrauensvolle Beziehung zu haben. Damit solch eine Beziehung aber überhaupt entstehen kann, ist es unabdingbar, dass der Mensch vollkommen frei in seiner Entscheidung ist. Christen sagen, dass uns Gott genau aus diesem Grunde absolute Willens- und Entscheidungsfreiheit gegeben hat. Denn nur dann, wenn ich mich für etwas – in diesem Fall also die Beziehung zu Gott – aus freien Stücken entscheiden kann, kann eine Beziehung entstehen, die auf Vertrauen gegründet ist. Anders geht es eben nicht: Echtes Vertrauen kann man nun einmal nicht erzwingen oder einfordern.

Das ist also die christliche Ausgangslage: Der Mensch ist (aus den genannten Gründen) von Gott mit Willens- und Entscheidungsfreiheit ausgestattet. Und zu dieser Freiheit gehört natürlich auch die Möglichkeit des „Fehlermachens“ logisch dazu: Menschen machen Fehler, treffen nicht nur richtige, sondern auch falsche Entscheidungen.

„Moment“, sagen einige nun. „Also ist es der Fehler des pakistanischen Jungens oder des nepalesischen Mädchens, dass sie in einem nicht-christlichen Land aufgewachsen sind?!? Das ist doch ungeheuerlich, so etwas zu sagen!“ Wenn es Sie beruhigt: Ich stimmte allen, die so denken, vollkommen zu: Das ist sogar sehr ungeheuerlich – aber das wollte ich auch gar nicht zum Ausdruck bringen, verstehen Sie mich nicht falsch. Natürlich kann man keinen Menschen für den sozialen Kontext verantwortlich machen, in den er hineingeboren wurde. Wer z.B. in Pakistan, Nepal oder Greifswald aufgewachsen ist, wird sicherlich muslimisch, hinduistisch oder atheistisch orientiert sein. Das darf man natürlich nicht kritisieren.

Kritisieren darf man eine Person meiner Ansicht nur dann, wenn sie davon ausgeht, dass ihr Weltbild auf jeden Fall aus dem Grund stimmen muss, weil es in dem sozialen Umfeld, in dem sie aufgewachsen ist, eben der Normalfall ist – weil man eben schon immer so gedacht hat und alle anderen auch so denken. Solch eine Einstellung ist mindestens fragwürdig – und ich würde sogar so weit zu gehen zu sagen: Diese Einstellung ist nicht nur zweifelhaft, sondern schlichtweg falsch. Nein, wer z.B. sagt, dass sein christlicher Glaube deshalb wahr ist (oder gar sein muss), weil man in einem christlichen Elternhaus groß geworden ist, der hat kein Argument für die Glaubwürdigkeit seines Glaubens auf den Tisch gelegt. Absolut nicht. Das gilt natürlich auch für jede andere Person – gleichgültig, ob sie Atheist, Agnostiker, Moslem, Buddhist oder etwas anderes ist.

Die beschriebene Haltung kann sicherlich als „Fehler“ klassifiziert werden, bei näherer Betrachtung ist sie sogar ein logischer Fehlschluss, der – und nun kommt der springende Punkt – vermeidbar ist. Wer davon ausgeht, dass die eigene Weltsicht deshalb stimmt bzw. stimmen muss, nur weil man mit ihr groß geworden ist, der begeht einen gedanklichen Fehler. Wer seine Weltsicht aus dem Grund nicht kritisch oder nur halbherzig hinterfragt, weil im jeweiligen sozialen Umfeld „doch alle so denken“ oder „das keiner macht“, der begeht einen gedanklichen Fehler. Die allermeisten Menschen, die ich kenne, verfügen zweifelsohne über die nötige Reflexionskompetenz, die diesen Fehlschluss schnell aufzeigen würde – in den meisten Fällen sind es aber subjektive Dinge wie Hochmut und Stolz, die Ursache dieses Fehldenkens sind.

Kommen wir abschließend zur Ausgangsfrage zurück: Steht die Existenz vieler Gottesvorstellungen und Religionen im Widerspruch zur Existenz Gottes? Als Christ würde ich das vor dem Hintergrund des Gesagten verneinen: Es gibt durchaus einen plausiblen Grund, warum Gott so viele unterschiedliche Gottesvorstellungen und Religionen zulässt; die Grundlage hierfür ist wie gesagt die vollkommene Willens- und Entscheidungsfreiheit, die Gott dem Menschen gegeben hat. Diese Freiheit hat wie gesagt Folgen – positive wie negative. Der Mensch entscheidet sich im Laufe seines Lebens z.B. für vieles, dass Gott nicht gefällt (z.B. Gewalt, Kriege, falsche Gottesvorstellungen etc.).

Würde Gott nun aber jedes Mal eingreifen, wenn ein Krieg ausbricht, eine Lüge ausgesprochen wird, ein Mensch lästert oder eine Glaubensvorstellung bzw. Religion entsteht, die Gottes Wesen nicht entspricht, hätten wir keine wirkliche Handlungsfreiheit mehr – und das ist eben nicht „im Sinne der Erfinders.“

Unfair wäre es von Gott natürlich, wenn er die verschiedenen Religionen zwar zulässt, aber trotzdem nicht allen Menschen eine bzw. mehrere faire Chancen gibt, von Jesus und dem Thema, warum dieser starb, zu erfahren. Aber auch das ist m.E. nach nicht der Fall; das wäre aber vermutlich ein Thema für eine neue Frage.

2 Kommentare

  1. Paul Paul
    4. April 2016    

    „Unfair wäre es von Gott natürlich, wenn er die verschiedenen Religionen zwar zulässt, aber trotzdem nicht allen Menschen eine bzw. mehrere faire Chancen gibt, von Jesus und dem Thema, warum dieser starb, zu erfahren. Aber auch das ist m.E. nach nicht der Fall; das wäre aber vermutlich ein Thema für eine neue Frage.“

    Genau das ist der Knackpunkt, an dem ich fast kaputt gehe oder auch nicht nur fast. Ein Christ sagt: Nur durch Jesus kommst du in den Himmel. Sprich: Alle anderen kommen in die Hölle. Wenn man sich das jetzt mal ein wenig ausrechnet, kommen ungefähr 95% der Menschen in die Hölle. Ungefähr 30% der Weltbevölkerung sind Christen. Ein bibeltreuer Christ würde jetzt sagen: Ja, von diesen 30% meinen es ja nur sehr wenige ernst mit ihrem Glauben und sind nur Namenschristen. Aber selbst wenn es 30% sind, sind es immer noch 70%, die nicht an Jesus glauben. Jetzt kann man natürlich sagen: Ok, diejenigen, die noch nie etwas von Gott gehört haben, die wird Gott auch anders richten. Dann wiederrum finde ich, ist es besser nicht zu missionieren, weil sie dadurch dann wieder schärfer gerichtet werden, weil sie ja eine Wahl hatten. Ist ein wenig kompliziert, aber das ist mein Hauptargument nicht an den christlichen Gott zu glauben. Dann sind da natürlich noch die vielen Stellen in der Bibel, die für mich nicht wie historische Texte klingen, aber das ist nicht mein Hauptproblem.

    • Stephan Lange Stephan Lange
      4. April 2016    

      Lieber Paul,

      danke für diese gute Frage. Sie ist sogar so gut, dass ich hiermit einmal eine Lücke im Blog schließe und die neue Kategorie „Fragen über die Hölle“ aufgemacht habe. Ihre Frage habe ich in diesem Atemzug gleich mit beantwortet oder zumindest einen Antwortvorschlag formuliert. Aber lesen Sie selbst > http://www.mitdenkend.de/247-2/

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