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Die Moralvorstellungen sind meist ein Spiegelbild ihrer Zeit. Die Kirche (und Religionen im Allgemeinen) ist in ihrer langen Geschichte für viel Leid verantwortlich (Inquisition, Kreuzzüge, etc. etc.). Das eigentliche Problem hierbei ist, dass man zu dieser oder jener Zeit einfach davon überzeugt war stets richtig, christlich, etc. dem Willen Gottes entsprechend zu handeln – die Menschen waren früher doch viel gottesfürchtiger als in unserer Zeit! Heute sieht man Vieles natürlich etwas anders und man würde viele Sachen lieber Ungeschehen machen. So wie sich die Kultur & Gesellschaft verändert so verändert sich auch der christliche Glaube und die damit verbundenen Moralvorstellungen. Gott scheint überhaupt keinen Einfluss auf irgendetwas Irdisches zu haben. Er ist zu einem – wenn es ihn denn überhaupt gibt – stillen und passiven Beobachter geworden – alles andere ist Einbildung.

Danke für Ihren nachvollziehbaren Einwand, der ja ein ganz nachvollziehbares Gottesbild beinhaltet: Gott ist ein Gott der Ferne – ein stiller und passiver Beobachtet, wie Sie ihn nennen. Vielleicht hat er irgendwann mal die Erde geschaffen, aber damit hat sich sein Engagement für die Welt auch schon.

Es ist ein Gott “hinter’m Sternenzelt”, dieses eine höhere Wesen, das es ja irgendwie geben muss, das auch mal romantische Gefühle auslöst, wenn man einen atemberaubenden Sonnenaufgang erlebt hat, das aber eigentlich keinerlei Interesse an uns hat und was auch deshalb keinerlei Auswirkung auf mein alltägliches Leben hat.

Ich habe wirklich vollstes Verständnis dafür, wenn man sagt:

“Bei so einem fernen Gott, was spielt es da für mich eine Rolle, ob es ihn gibt oder nicht? Warum sollte ich mich für so einen interessieren, wenn er sich doch auch nicht für mich interessiert?”

Ich stimme da vollkommen zu: Ein ferner Gott ist total unspannend.

Wenn wir Christen von Gott reden, meinen wir aber, dass dieser Gott persönlich ist. Gott ist kein Es, sondern ein Jemand, der ansprechbar ist, Absichten hat, sogar Gefühle und Sehnsüchte. Der Gott, an den Christen glauben, den kann sogar etwas fehlen, nämlich der Kontakt zu den Menschen, der er geschaffen hat.

Dann hat er keine Lust, stiller und passiver Beobachter des Universums zu sein, sondern er sagt sich: “Dieser eine Mensch fehlt mir – und solange ich nicht wieder in Kontakt mi ihm komme, solange suche ich nach ihm.”

Jesus drückt das an einer Stelle für viele verblüffend aus, wenn er sagt:

“Wisst ihr was? Gott ist wie eine Frau.”

“Was?!”, sagen die Leute. “Ja”, sagt Jesus, “Gott ist wie eine Frau, die zehn silberne Münzen besitzt. Und diese Münzen sind ihr ein und alles.” Ich stelle mir diese Frau so vor: Eines Morgens steht sie auf und geht sie zu ihrer kleinen Kommode, in der sie in der obersten Schublade ihre zehn geliebten Silbermünzen drin liegen hat. Und die zählt sie jeder Morgen voller Lust und Freude durch, weil ihr so viel an ihnen liegt (vielleicht kommt sie aus Schottland?). Und sie zählt: “Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn.” Wunderbar, alle noch da. Sie legt die Münzen wieder zurück, macht die Schublade zu und beginnt zufrieden ihr Hausarbeit.

Abends kommt sie wieder zurück, geht in das Zimmer, in dem die Kommode die mit den Münzen steht, öffnet wieder die Schublade und beginnt zu zählen. “Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, …” “Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun…” Oh nein! Eine fehlt, wo ist sie hin, heute morgen waren sie alle noch da. Sie schaut unter den Teppich, hinter die Kommode rückt Möbel von der Wand, schiebt die Tische zur Seite und sucht und sucht und sucht. Und irgendwann, da hat sie diese eine fehlende Münze wiedergefunden.

Und was tut eine Frau in solch einem Fall, wenn sie etwas findet, dass sie schon lange gesucht? Logisch: Sie rennt zu ihren Freundinnen und Nachbarinnen und erzählt es allen. Sie sagt: “Meine Münze, mein Erbstück, mein Schatz, den ich so vermisst habe, endlich ist sie wieder da. Kommt, feiert mit mir!”Das mag sich für Sie nun möglicherweise ungewohnt anhören, aber genauso glauben Christen, ist Gott:

Er sucht nach jeden einzelnen Menschen.Wenn ihm auch nur der Kontakt zu einem einzigen Menschen abhanden gekommen ist, sich ein Mensch von ihm entfremdet, sich von ihm abwendet oder angefangen hat, ihm zu misstrauen, dann lässt das Gott keine Ruhe. Und er läuft dem Menschen nach, sucht ihn, bis er ihn gefunden hat. Weil er jedem einzelnen mit seiner Liebe begegnen will und jeden einzelnen Menschen unendlich wertvoll findet.

Das ist der Gott, an den wir Christen glauben. Der Gott, der selbst Mensch geworden ist, um Kontakt mit seinen Geschöpfen zu haben. Denn warum sonst, nach christlicher Auffassung, kommt Gott sonst auf die Erde, wird Teil seiner eignen Schöpfung. Was bringt ihn dazu?Ich versuche das einmal, an einem Bild zu verdeutlichen, ein Bild, dass ein wenig Fantasie erfordert und auch zugegebenermaßen etwas banal ist, aber zur Darstellung dennoch sehr gut ist.

Stellen wir uns vor, auf meiner Hand leben ein paar Ameisen und unterhalten sich über die Existenz von Stephan Lange (das bin ich). Unter den Ameisen sind einige sehr gläubige Ameisen, die sagen: “Ich bin sicher, dass Stephan Lange existiert, ich kann ihn deutlich spüren.” Und da gibt es Ameisen, die da sagen: “Naja, naja, ich weiß ja nicht so recht. Vielleicht ist Stephan Lange auch nur eine Illusion.” Nun kommt das Bild an einer erste Grenze. Stellen wir uns vor: Ich liebe diese Ameisen über alles. Ich möchte mit ihnen in Kontakt sein, in ein Gespräch mit ihnen kommen, damit sie lernen, mir zu vertrauen. Ich möchte mich eindeutig mitteilen. Wie könnte ich das anstellen?

Eine erste Möglichkeit: Ich klatsche meine beiden Hände einmal ordentlich zusammen, dann habe ich mich absolut klar und deutlich mitgeteilt, aber es mangelt mir anschließend an Gesprächspartnern. Eine zweite Möglichkeit: Ich sage einmal laut: “Hallo?”, dann sind die Ameisen wahrscheinlich taub (wie gesagt, das Bild ist etwas banal). Die dritte Möglichkeit: Ich müsste es irgendwie schaffen, mich in die Welt der Ameisen zu begeben, eine von ihnen werden, damit wir uns auf Augenhöhe begegnen können.

Damit ein echtes Gespräch auch überhaupt erst einmal stattfinden kann.Wie gesagt, das Bild hat seine Grenzen und ist zudem etwas platt, aber beschreibt mit seinen Möglichkeiten genau das, was Gott nach christlicher Auffassung getan hat: Gott kommt in Jesus auf unsere Augenhöhe, um das Gespräch mit uns zu eröffnen, weil er sagt:

“Ihr fehlt mir. Ich möchte Kontakt mit euch haben. Ich komme in einer Art und Weise, die ihr verstehen könnt, damit ihr lernt, mir zu vertrauen.”

Was wäre, wenn Gott wirklich so wäre? Mir ist freilich bewusst, dass mein Antwortvorschlag immer noch nicht alle Aspekte Ihres Einwands beleuchtet. Die leidige Leidfrage kam z.B. bislang noch gar nicht auf den Tisch. Vielleicht können hier aber meine bisherigen Antwortideen helfen (siehe dazu hier und hier). Und wenn Sie noch weitere kritische Rückfragen, gerne.

 

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