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Gott hat ein Problem mit Religion!

 

Möglicherweise haben Sie schon einmal von dem Witz gehört, in dem die Lehrerin in der Schule fragt:

„Was ist Religion?“ Und Klein-Fritzchen antwortet: „Religion ist das, was man nicht darf.“

Nun, ich finde, hier steckt sehr viel Wahrheit. Wohl nicht umsonst stoßen die, die diese Antwort schnell ergooglen wollen, auf den Wikipedia-Satz: „Als Religion bezeichnet man eine Vielzahl unterschiedlicher kultureller Phänomene, die menschliches Verhalten, Handeln, Denken und Fühlen prägen und Wertvorstellungen normativ beeinflussen.“ Und auch jemand wie Ghandi ging mit dieser Thematik nicht zimperlich um, wenn er sagt, dass er „ohne Zögern und doch in aller Demut sagen kann, dass ein Mensch, der behauptet, Religion habe nichts mit Politik zu tun, nicht weiß, was Religion bedeutet.“ Und auch ich als engagierter Christ bin fest davon überzeugt, dass wir der Notwendigkeit der Religionskritik bedürfen, gerade aufgrund der Gefahren, die mit irregeleiteter oder instrumentalisierter Religion verbunden ist.

Schon biblische Traditionen sehen die größte Gefährdung des Menschen in seiner buchstäblich heil-losen Tendenz zur Selbst-Vergottung. Eritis sicut Deus, wie Gott sein wollen (Gen 3), ist einer der größten Versuchungen, der der Mensch ausgesetzt ist. Die Instrumentalisierung von Religion für eigene Zwecke kann furchtbare Folge haben, ganz gleich, ob ein politischer oder ein religiöser Führer die Menschenmassen hinter seine Fahne und unter einen Auftrag ruft, den Gott ihm selbst vermeintlich gegeben hat. Selbst die reformatorische Theologie hat immer wieder das Verhängnis des homo religiosus, des religiösen Menschen, thematisiert. Hier beschreibt schon Martin Luther die schreckliche Erkenntnis, dass selbst in der Frömmigkeit der Mensch seinen Hang nicht ablegen kann, Gott für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. So muss der Mönch Luther erfahren, dass selbst Spiritualität, Bußübungen, Gebet und Gottesdienst ja immer auch den Zweck haben und mit der faktischen Intention vollzogen werden können, dass sich der gläubige Mensch selbst aus eigener Kraft gerecht und gut vor Gott zu machen versucht.

Und dass der Mensch sich seine Götter selbst macht, dass alle Götter, die er hat, „gemacht“ sind, das weiß schon das Alte Testament. Nun, Religion ist auch im biblischen Sinne genau dieses: Verlust von Selbstbestimmung, Selbstbetrug, völlig irrationale Delegation von Autonomie an etwas vom Menschen geschaffene.Gegen diese offenbar unausrottbare Tendenz des Menschen, sich selbst zu Gott zu machen, etwas, was nicht Gott ist, göttliche Verehrung entgegenzubringen oder sich durch Beanspruchung absoluter Wahrheit unbedingte Geltung verschaffen zu wollen, hilft wohl nur das erste Gebot: „ICH bin der Herr dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Denn: Dieses erste Gebot ist alles andere als Religion. Seine wirklich ernstgemeinte Praxis ist der Tod von Religion, das Ende der Religion als Unglauben. Somit: Gegen Religion hilft nur Religion, aber die richtige: die Gegenreligion, das Gegengift gegen alle Instrumentalisierung von Religion zum Zwecke der Durchsetzung eigener Interessen und eigener Macht.

Aber das tiefste Problem – die Richtigkeit dieser Gedanken vorausgesetzt – besteht nun nicht darin, dass es Religion gibt, sondern dass es den Machtmenschen gibt, der sich ständig religiös verhält; mit Nietzsche: Der Mensch als Wille zur Macht ist es, der alles zu „interpretieren“, seinem Machtwillen zu unterwerfen sucht. Das Problem besteht dann darin – mit Johann Georg Hamann gesprochen –, dass dort, wo der Mensch auf die Anbetung des einen, unsichtbaren Gottes verzichtet, Menschen der furchtbaren Dialektik verfallen, füreinander entweder zum Götzen oder zum Schlachtopfer zu werden.

Was die Gegenwart also neben vielem anderen auf jeden Fall braucht, ist die Notwendigkeit der Religionskritik. Und Religion – und da zähle ich natürlich auch die christliche Tradition zu – ist zudem sehr geübt darin, uns ein großes Ziel vor Augen zu führen, wie wir in den Himmel, zur Erlösung oder zur Erkenntnis kommen. Und das Prinzip – überprüfen Sie meine Worte gerne – ist stets das Gleiche. Denn die Religionen sagen uns: „Da ist das Ziel – so kommst du hin. Wir zeigen dir, wie es geht. Folgende Dinge musst du tun, folgende Bedingungen musst du erfüllen, so und so musst du dich verhalten, so und so handeln.“ Aus religiöser Sicht ist das auch durchaus praktisch: Forderung, Instrumentalisierung und Zwang (selbst unterschwelliger) führen mindestens zur Kontrolle und Vereinnahmung. Wer also fragt, ob man bei Religion bzw. Religiösem nicht durchaus skeptisch und vorsichtig sein darf oder sollte, der hat meine vollste Sympathie, denn das ist eine absolut berechtigte und wichtige Frage.

Ich beschreibe das nun nicht, um eine einzelne religiöse Tradition zu kritisieren. Das liegt mir fern. Warum erzähle ich es dann aber so kritisch? Einerseits natürlich, weil die Vorwürfe der Religionskritiker durchaus berechtigt sind, andererseits um Ihnen als Leser etwas sehr Wesentliches vor Augen zu führen: Christlicher Glaube kann durchaus konträr zu christlicher Religion stehen, kann sich durchaus beißen mit christlich-religiösem Handeln. Religionsstifter waren im Wesentlichen Lehrer, die dem Menschen sagten: „Mach dies, tue das – und du findest das Göttliche.“ Das scheint das Prinzip von Religion zu sein. Spannend ist der Blick auf Jesus, der – nach meinem bisherigen Wissen –  der einzige war,  der in erster Linie nicht als Lehrer (obwohl er das auch war), sondern zuvorderst als Erlöser auftrat. Und der sagte: „Ich bin Gott, der zu euch gekommen ist, um das zu tun, was ihr aus selbst nicht tun könnt.“

Die christliche Botschaft ist, dass wir nicht durch unser Tun und Handeln erlöst sind, sondern nur & ausschließlich durch das, was Jesus für uns getan hat. Das Christentum ist, nimmt man den Kern der christlichen Glaubensbotschaft ernst, nicht religiös oder irreligiös – es ist grundsätzlich anders.

Denn: Christen glauben nicht einer Ideologie, schon gar nicht einer Institution und übrigens auch in erster Linie nicht in einem Buch. Christen glauben und vertrauen einer Person – der Person Jesus Christus. Daher leitet sich ja auch ihr Name ab: Christen sind Menschen, die Jesus nachgehen, die angeben, gute Gründe dafür zu haben, dass Gott sich einst wirklich in ihm mitteilte. (Ob diese „guten Gründe“ der Christen nun auch „gut“ sind, muss und sollte natürlich geprüft werden. In diesem Blog finden sich ja einige von ihnen…) Was der christliche Glaube – und prüfen Sie auch das gerne nach – nun gerade nicht sagt, ist:

„Ich, Gott, sehe dich. Ich sehe dich ständig und beobachte, was du tust, was du denkst. Ich stelle Gebote auf, die so schwer sind, dass du sie nicht einhalten kannst. Und wenn du sie nicht einhälst, wenn du nicht so handelst, wie es die Vorgaben vorgeben, dann mache ich Druck. Ich ziehe vor deinen Füßen eine schnurgerade Linie und wenn du von dieser Linie auch nur einen Millimeter nach links oder rechts abweichst, dann kriegst du mächtig Ärger.“

Was der christliche Glaube nun sagt – kontrollieren Sie es gerne erneut –, ist:

„Ich, Gott, liebe dich bedingungslos und ich bitte dich, mir zu vertrauen, dass ich das ernst meine. Und du darfst auch durchaus von mir verlangen, dass ich dir zeige, dass ich dein Vertrauen wert bin. Das ist völlig in Ordnung, du sollst schließlich nicht die Katze im Sack glauben. Ich möchte dir zeigen, dass wenn du es aufrichtig wissen willst, ob es mich gibt und nach mir fragst, dann will ich dir antworten. Denn ich wünsche mir nichts Sehnlicheres als eine persönliche Beziehung mit dir.

Du bist mir unendlich viel wert. Ich bin mir bewusst, dass du Fehler hast, aber was ich will, dass bist alleine du – nicht dein Verhalten. Wir arbeiten daran, wenn du es willst, aber ich liebe dich auch so – trotz all deiner Fehler und rein wegen deiner selbst. Ich möchte, dass dein Leben gelingt, du bist mein Kind und du bist mir das Wichtigste. Und für dieses Angebot brauchst und kannst du nichts tun, nimm es an und lass mich dir zeigen, dass ich es wirklich ernst meine.“

Ich erwarte nun natürlich nicht, dass Sie mir das alles glauben, nur weil ich es schreibe. Ich möchte es lediglich einmal – wenn auch nur grob – vorstellen, was christlichen Glauben von christlicher Religion unterscheidet, wo man sogar auf klare Unterschiede hinzuweisen hat. Und dass es als Christ überhaupt gar nicht darauf ankommt, ein Freund und Fan von Religion zu sein, sondern dass es beim Christsein um eine ehrliche Beziehung mit diesem Jesus geht – eine Beziehung, die von Christen als so sinnstiftend und absolut genial angesehen wird, dass sie sie niemals mehr missen möchten.

Und falls Sie noch Fragen oder Anmerkungen haben, dann schreiben Sie gerne einen Kommentar oder eine E-Mail.

 

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