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98. Es wird behauptet, dass sich Gott nicht beweisen lässt, um den Menschen nicht den freien Willen zu nehmen, an ihn zu glauben oder den Glauben zurückzuweisen. Abgesehen von der Frage, woher die Gläubigen dieses denn wissen wollen – es ist ja erstaunlich, was Gläubige alles über Gott wissen, außer sie treffen auf gute Argumente, dann wird mit der „unerforschlichen Natur Gottes“ argumentiert – kann dies historisch nicht richtig sein, im AT ist Gott mehreren Menschen direkt erschienen und hat direkt Einfluss genommen brennende Dornbüsche, Stimmen vom Himmel, →bei Jesus Taufe, auf einem Berg usw. usf. – manche haben sogar Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, etwa Moses selbst, Jesaja oder Hiob. Hat Gott deren „freien Willen“ mißachtet? Und wenn ja, warum? Warum nur damals, als Menschen noch an Geister und anderen Unfug glaubten, und nicht heute, wo es Fernsehen gibt und skeptische Wissenschaftler?

Außerdem: Wenn man die Existenz Gottes beweisen könnte, dann wäre damit noch nicht ausgesagt, ob es sich um den Gott der Juden, den Gott der Christen, den Gott der Moslems, den Gott der Hinduisten usw. usf. handelt, es gäbe also noch genügend Spielraum, einen spezifischen Glauben zurückzuweisen – der freie Wille der Menschen wäre nicht eingeschränkt.

Danke für diesen Einwand. Ich für meinen Teil wüsste zumindest gerade nicht, dass ich mal mit der „unerforschlichen Natur Gottes“ argumentiert hätte; aber ich bestreite auch gar nicht, dass es nicht wenige Gläubige gibt, die das tun. Dieses „Argument“ ist natürlich schwerlich ernst zu nehmen, da gebe ich Ihnen vollkommen Recht.

Und dass Gott sich nicht beweisen lässt, weil es die absolut freie Entscheidung des Menschen sein soll, sich für oder gegen Gott zu entscheiden, ist ja bereits eine der ersten Auskünfte der Bibel – aber zieht sich auch durch den gesamten Kontext der Bibel hindurch. Ich finde es sogar ziemlich unzweideutig, dass die biblische Botschaft in ihrer Gesamtheit besagt, dass sich Gott nichts Sehnlicheres wünscht als eine vertrauensvolle Beziehung zu einem freien Gegenüber. Nichts anders meint schließlich auch „Christsein“ – nämlich eine vertrauensvolle und liebevolle Beziehung mit Gott zu haben.

Was Ihre Frage mit Moses & Co. betrifft: Im Grunde beantworten Sie sich die schon selbst, in dem Sie ganz richtig sagen, dass sich Gott nicht beweisen lässt, da es die absolut freie Entscheidung des Menschen sein soll, sich für oder gegen eine vertrauensvolle Beziehung mit Gott zu entscheiden. Über dieses Stadium sind Moses & Co. schon längst hinaus, sie haben die klare Entscheidung für Gott schon längst getroffen und leben in einer (zutiefst) vertrauensvollen Beziehung zu Gott. Also ganz anders als z.B. die glaubensskeptischen Wissenschaftler der Gegenwart.

Nun noch zu Ihrer letzten Frage, die ich übrigens sehr gut finde. Und zudem sehr berechtigt: Wenn es Gott gibt, warum gibt er der Menschheit nicht eine „kleine Starthilfe“, damit man wenigstens weiß, dass es einen Gott gibt. Wie müsste so eine „Starthilfe“ aber aussehen? Sie müsste in erster Linie selbstverständlich nicht natürlicher, sondern übernatürlicher Natur sein. Das erklärt sich sicherlich von selbst. Von solchen übernatürlichen Phänomen wird nun aber – auch heutzutage – nicht selten gesprochen, aber mal im Ernst: Würden Sie auch nur einem dieser Phänomene Glauben schenken? Als ich vor fünf Jahren noch Atheist wäre, hätte ich das höchstwahrscheinlich nicht gemacht.

Ich hätte selbst das „unglaublichste Wunder“ in meinem tiefsten Herzen als Schwachsinn, Trickserei, Illusion oder sonst etwas abgestempelt – das wäre mein Grund gewesen, diesem „übernatürlichen Akt“ keinen Glauben zu schenken. Das Problem lag in erster Linie also gar nicht beim Phänomen selbst; das Problem lag darin, dass ich mein Weltbild hatte, das Übernatürliches ausschloss. Und ich war auch nicht gewillt, es in Frage zu stellen. Von daher konnte ich auch gar nicht anders, als alles, was in die übernatürliche Richtung ging, wegzudiskutieren. Hätte ich aber das Übernatürliche für möglich gehalten, hätte ich Gott bereits für möglich gehalten. Dann hätte ich aber kein übernatürliches Ereignis gebraucht, um Gott in mein Weltbild zu lassen.

Machen Sie gerne einmal den Test bei sich selbst: Würden Sie es zumindest für denkmöglich halten, dass Gott Schöpfer unseres Universums ist? Nur für denkmöglich – nicht mehr, nicht weniger. Das ist ja zumindest nicht absolut ausgeschlossen – es sei denn, man hat es für sich ausgeschlossen, dass es so jemanden wie Gott gibt. Sie merken sicherlich, welch enorme Aussagekraft ein ja diese Frage hat: Denn wenn Sie es zumindest für denkmöglich halten, dass Gott der Schöpfer unseres Universums sein könnte, haben Sie ja in Wirklichkeit kein grundlegendes Probleme mit der Existenz Gottes an sich. Nicht der übernatürliche Schöpfungsakt, aus dem unser Universum entstanden ist, hat sie Gott also annehmen lassen, sondern das Weltbild, das Ihrem Denken zugrunde liegt. Ein Weltbild, das das Übernatürliche ausschließt, verneint Gott natürlich – ein Weltbild, dass das nicht tut, verneint Gott natürlich nicht.

Eine „kleine übernatürliche Starthilfe“, die Gott dem Atheisten doch also geben könnte, nutzt folglich nichts, da das atheistische Weltbild die Beweiskraft eine solchen Starthilfe stets bezweifeln muss. Spätestens an dieser Stelle könnte man kritisch einhaken und fragen: „Ist Übernatürliches also nur für den möglich, der auch daran glaubt?“ Diese Frage impliziert ja, dass die Aussage „Es gibt nichts außer der natürlichen Welt“ auf einer empirischen Erkenntnis beruht. Aber das tut sie nicht. Diese Aussage ist vielmehr ein philosophische Prämisse als ein wissenschaftliches Ergebnis. Man könnte auch genauso gut anders herum fragen: „Ist der Gedanke, dass es außer der natürlichen Welt nichts gibt, aufgrund seiner Nicht-Beweisbarkeit nicht auch nur eine Annahme?“ Wer ehrlich zu selbst ist, wird nun zugeben müssen, dass hier wirklich nur eine Annahme vorliegt – nicht weniger, aber auch nicht mehr. Eine Annahme, die richtig, aber auch falsch sein kann. Es gibt objektiv betrachtet zumindest keinen zwingenden Grund, warum sie nur richtig und keinesfalls falsch sein kann.

Manche protestieren nun: „Ich nehme nur das an, wofür mir auch gute Gründe vorliegen. Und ich habe nun einmal von keinem guten Grund gehört, der für das Übernatürliche spricht.“ Sie haben es wahrscheinlich auch gemerkt: Wir drehen uns im Kreis – denn nun befinden wir uns  wieder an dem Punkt, an dem ich Sie zu einem kurzen Selbsttest eingeladen habe. Warum befinden wir uns hier aber in einem Hamsterrad? Ich denke, dass der geschlossene Forschungsansatz, der hier zugrunde liegt, das eigentliche Problem darstellt. In solch einem Denksystem wird alles so gedacht, dass es ins eigene System passt. Wenn ich allerdings so vorgehe, dann wird es nie Argumente geben, die mein Weltbild in Frage stellen. Das wäre dann vielleicht vergleichbar mit dem geschlossenen Weltbild des Mittelalters, wo man auch alle Dinge ins vorherrschende System gebracht hat.

Was will ich damit sagen? Natürlich nicht, dass man sein Weltbild und seine Skepsis über Bord werfen muss, sondern nur, dass man sich auch auf solche Gedanken einlassen sollte, die nicht dem eigenen Weltbild entsprechen – natürlich stets mit einer gesunden Portion Skepsis. „Gesunde Skepsis“ bleibt zu neu- bzw. andersartigen natürlich auf Distanz, schließt sie aber zumindest nicht gleich von Vorneherein gleich aus, sondern hört erstmal zu, was da so an Gedanken vorgebracht wird. Solch eine Skepsis tritt also immer im Rahmen eines offenes Forschungsansatzes auf.

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