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24. Argument: Ist Gott nicht irgendwie ungerecht, wenn er über die ganze Erde eine riesige Sinflut gesandt hat und dabei fast alle Menschen starben?

Eine gute Frage, wenn auch kein Argument gegen Gottes Existenz, sondern gegen ein Gottesbild. Vorab: Bei näherem Hinsehen verpflichtet die Sintfluterzählung, selbst wenn man sie eins zu eins als historisch versteht, nicht zu der Vorstellung, die gesamte Welt sei überschwemmt worden. Aber natürlich ändert das wenig am Bild:

Viele, viele Menschen fallen der Flut zum Opfer. Biblisch gesehen ist das hart, aber gerecht – weil diese Menschen eben zuvor durchweg als ungerecht, kriegerisch, streitsüchtig beschrieben werden. Die Flut ist Gottes Gericht über diese Menschen – und nach biblischer Auffassung ist die Frage gar nicht mal, warum sie alle der Flut zum Opfer fallen, sondern warum überhaupt Menschen übrig bleiben… warum Gott die Menschen nicht ganz aufgibt, sondern überhaupt mit einigen wenigen danach wieder neu anfängt. Das ist das, was biblisch gesehen auffällt.

Wir haben uns daran gewöhnt, das Ganze mit neutestamentlichen Augen zu lesen und deswegen wundern wir uns: Das Gericht über die Ungerechtigkeit der Menschen kann doch nicht das letzte Wort haben? Die Sintfluterzählung zeigt aber, wie es wäre, wenn das Gericht tatsächlich endgültig wäre. Gesamtbiblisch gesehen ist es das ja nicht, weil Gott selbst am Kreuz die Ungerechtigkeit aller Menschen auf sich nimmt – usw., Sie kennen sicherlich den Rest? Aber gerade das Kreuz zeigt ja: Wenn das nötig war, um unser Problem zu lösen, muss dieses Problem tatsächlich sehr groß gewesen sein. Die Sintfluterzählung zeigt, wie groß das Problem ist: So eine Flut wäre die Folge, wenn unsere Schuld tatsächlich weiter auf uns lastete.

Sie merken es wahrscheinlich an den Konjunktiven: Ich denke nicht, dass die Sintfluterzählung zu den Teilen der Bibel gehört, die Wort für Wort historisch sein wollen. Sie gehört vielmehr zu den Ursprungserzählungen, die zT alte historische Erinnerungen bewahren, die aber v. a. (mit den Mitteln der Erzählung) theologjsche und anthropologische Grundüberzeugungen weitergeben: Die Menschen werden, auf sich gestellt, immer wieder scheitern. Deswegen verdienen sie – eigentlich – Gottes Gericht. Trotzdem fängt Gott mit den Menschen danach wieder neu an.

Und verspricht sogar: Der Sünde der Menschen werde ich ab jetzt nicht mehr so begegnen, nicht mehr mit großen weltumspannenden Katastrophen als Strafen. Denn so wird das menschliche Grundproblem nicht gelöst (1Mo 8,21ff). Es muss also einen anderen Weg geben – eben den der Vergebung und Stellvertretung, wie er auch schon im AT angekündigt wird (Jes 53). Wer also heute noch Naturkatastrophen als kollektive Strafe Gottes interpretiert, denkt im wörtlichen Sinne vorsintflutlich – so handelt Gott nicht bzw nicht mehr.

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