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Haben Christen die Wahrheit gepachtet

Die Sorge ist ja ganz berechtigt: Wenn ein Mitglied einer bestimmten Weltanschauung einen allgemeinen Wahrheitsanspruch erhebt und damit gleichzeitig sagt, dass andere Ansprüche dieser Art nicht greifen, ist das nicht automatisch intolerant & arrogant? Und gerade weil der Begriff “Toleranz” in diesem Zusammenhang so zentral ist, mag es nicht schaden, ihn näher zu betrachten. Toleranz ist in seiner klassischen Sicht die Auffassung:

“Ich habe einen Standpunkt, den ich für überzeugend halte, aber ich kann es aushalten, wenn jemand anderes einen anderen Standpunkt hat. Ich teile die Sicht meines Gegenübers zwar nicht und glaube sogar, dass er bei bestimmten Punkten nicht richtig liegt. Ich werde ihm aber stets mit vollem Respekt und Wertschätzung begegnen.”

Ich halte diese Einstellung gerade für Christen für sehr zentral, aus einem einfachen Grund, weil sie schlichtweg „bibel-kompatibel“ ist. Denn im Neuen Testament, im Gründungsdokument der Christen also, fordert Jesus genau das. Dort sagt er nämlich:

“Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zu Gott, dem Vater, außer durch mich.”

und im gleichen Neuen Testament sagt er:

“Liebt eure Feinde. Selbst die Menschen, die nicht für Euch sind. Begegnet ihnen mit Liebe und tretet für Sie ein.”

Jesus fordert Christen also dazu heraus, jedem Menschen – selbst denen, die einem nichts Gutes wollen – mit höchster Wertschätzung zu begegnen. Nicht nur mit Toleranz, sondern sogar viel mehr als das – mit Liebe. So sollte ein Toleranzverständnis sein, für das Christen sich stark machen – zumindest sollten sie es, eben weil es “im Sinne des Erfinders” ist. Solch eine Toleranz steht dann auch nicht im Widerspruch zu einem Wahrheitsanspruch. Es ist sehr gut möglich, auf diese Art und Weise tolerant zu sein und zugleich einen Wahrheitsanspruch zu erheben. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, das man auch für das werben darf, was man für die Wahrheit hält, mit der Einschränkung, dass dieses Werben nur dann geschehen darf, wenn es friedlich und respektvoll daherkommt und auch nur mit den Mitteln des Arguments zu überzeugen versucht wird.

Anders kann es meiner Ansicht nach – gerade bei Glaubensfragen – auch gar nicht funktionieren: Man kann Glauben nicht erzwingen oder andere dazu überreden, genau so wenig, wie ein Junge ein Mädchen dazu zwingen oder überreden kann, ihn zu lieben. Immer, wenn dies im Laufe der Geschichte versucht wurde, sei es nun in Glaubens- oder in Partnerschaftsdingen, ist es fürchterlich und traurig ausgegangen. Und aus Glaubensperspektive ist das auch sehr logisch: Glaube kann man nicht erzwingen, denn Glauben heißt Vertrauen, da schnippt man nicht einfach mit den Finger und hat ihn. Aber kommen wir wieder zurück zur Frage, wie sich Wahrheitsansprüche zueinander verhalten können.

Ich bin der Meinung, dass es keine Alternative zur Suche nach der einen Wahrheit gibt – und das insbesondere aus dem einem Punkt: Die Alternativen, dass es eben nicht eine Sache gibt, die die Welt im Inneren zusammenhält, sind alles andere als überzeugend! Ich erwarte nun gar nicht, dass sie meine Meinung sofort teilen, nur weil ich sie hier aufschreibe – ich will sie Ihnen im Folgenden aber immerhin begründen. Wie sehen die denkbaren Alternativen denn aus?

Alternative 1: “Alles ist irgendwie wahr”

Eine erste Alternative zur Sicht, dass es nur eine Wahrheit gibt, wäre eine pluralistische gemäß der Auffassung: “Vielleicht ist ja alles irgendwie wahr.” Somit hat im Grunde keiner Unrecht oder positiv gesagt: Alle haben irgendwie Recht. Nun, ich gebe zu, dass klingt in der Tat sehr sympathisch und scheint Streit &  Stress zu vermeiden. Allerdings hat die Sache einen entscheidenden Haken: Wer diese Meinung vertritt, hört nicht darauf, was die Religionen über sich selbst sagen – bügelt vielmehr glasklare & identitätsstiftende Unterschiede zwischen ihnen einfach mal so glatt. Diese werden zwar sicherlich wahrgenommen, aber es wird gedacht oder sogar behauptet, dass sie nicht wichtig sind. Das führt letzten Endes dazu, dass der eigentliche Glaube der verschiedenen Religionen im Grunde gar nicht ernst genommen wird. Die Identität der verschiedenen Religion wird zum Opfer menschlichen Toleranzbestrebens.

Welche Unterschiede zwischen den Religionen gibt es aber? Und sind sie wirklich so gravierend und erwähnenswert? Menschen, die meinen, dass es falsch sei, andere Wahrheitsansprüche als unkorrekt zu bezeichnen, sagen ja beispielsweise: Nicht ein bestimmter, sondern alle Wege führen letztlich zu Gott. Aber die Frage sollte erlaubt sein: Ist dem wirklich so? Zum Glück ist es ja keine Raketenwissenschaft, sich mal einen profunden Überblick über die verschiedenen Glaubensgemeinschaften zu verschaffen. Wer sich mal näher mit den unterschiedlichen Religionen auseinandersetzt, wird rasch merken, dass die Wege zu Gott alles andere als gleich beschrieben werden. Hier nur einmal ein paar wenige Beispiele:

Im Buddhismus existiert zum Beispiel gar kein (ewiger und allmächtiger) Gott, zu dem man gelangen könnte. Diese Vorstellung ist für Buddhisten vollkommen fremd. Das sieht aber wieder ganz anders aus, wenn wir uns etwa den Islam zuwenden. Muslime glauben an einen persönlichen, allmächtigen und heiligen Gott, zu dem jeder kommt, der sich das durch gutes und recht motiviertes Handeln verdient hat. Der christliche Glaube sagt da nun genau das Gegenteil: Zu Gott kommt man nicht, indem man sich das durch gutes Tun verdient hat. Christen glauben, dass wir nicht durch unser Tun vor Gott gerecht sind, sondern durch das, was Christus für uns getan hat. Wir sehen: Bereits bei drei Religionen liegen uns drei unterschiedliche Wege zu Gott vor. Hier herrscht also alles andere als Übereinstimmung, es ist vielmehr logische unmöglich, dass etwa Buddhisten und Muslime gleichzeitig Recht haben können.

Aber schauen wir uns einmal etwas noch Zentraleres an: Die Kernbotschaften der verschiedenen Religionen – wie sieht es hier aus: Sind die vielleicht alle gleich? Die erwartbare Antwort vorweg: Nein. Und warum, das sehen wir, wenn uns die verschiedenen Kernaussagen mal näher anschauen: Bei Buddhisten finden wir den Hauptgedanken, dass das Leben Leiden ist. Dieses Leid hat verschiedene Ursachen und kann durch Sittlichkeit, Weisheit und Vertiefung beendet werden. Der Islam besagt hingegen, dass es keinen Gott außer Allah gibt, keiner ihm gleich und Mohammed sein Prophet ist. Christen glauben im Kern, dass Gott in Jesus zur Welt kam, am Kreuz für unsere Verfehlungen starb und nach drei Tagen wieder auferstanden ist. Und die engagierten Vertreter des jeweiligen Religionen sagen sogar selbst: Unsere Kernbotschaft ist nicht mit der Kernbotschaft der anderen vereinbar, wir beschreiben die Wirklichkeit auf vollkommen unterschiedliche Weise.

Lassen Sie mich das noch etwas zuspitzen, indem wir uns den wesentlichem Unterschied zwischen dem Islam und Christentum etwas genauer anschauen: Im Koran finden wir in der Sure 4, 157 eine für unseren Religionsvergleich sehr zentrale Stelle – dort steht nämlich, dass Jesus weder getötet noch gekreuzigt wurde. Es kam allen Anwesenden einst nur so vor, dass dies der Fall war, so heißt es. Soweit zum Thema „Koran & Kreuzigung“. Muslime verneinen also bereits, dass Jesus überhaupt gekreuzigt wurde. Aus christlicher Sicht ist diese Aussage unhaltbar und schlich und ergreifend falsch. Aber es kann nicht beides gleichzeitig wahr sein: Jesus kann nicht gekreuzigt und gleichzeitig nicht gekreuzigt worden sein – das ist logisch unmöglich.

“Naja”, sagen vielleicht einige, “lassen wir doch mal die Logik beiseite – vielleicht geht das ja doch irgendwie. Auch wenn jeder etwas anderes sagt, verweisen sie doch irgendwie alle auf dieselbe göttliche Wirklichkeit.” Das Problem dieser Ansicht, die alle Wahrheitsansprüche in einem Topf schmeißt, ist nur: Sie stellt selbst einen Wahrheitsanspruch dar, der allen Wahrheitsansprüchen übergeordnet ist. Ich möchte das kurz an dem berühmten Beispiel “Die blinden Männer und der Elefant” verdeutlichen. Betrachten wir dazu zunächst die folgende Zeichnung:

Die sechs blinden Männer berühren hier den einen Elefanten und beschreiben ihn, wie sie ihn verstehen bzw. wahrnehmen. Und jeder ist für sich selbst überzeugt. “Der Elefant, der ist wie ein Baum”, “Nein, er ist wie eine Schlange” und so weiter…Die Pointe ist, dass es so ja auch mit den Religionen sein könnte. Da gibt es die Muslime, die sagen das eine, und die Christen, die sagen das andere, und Buddhisten, Hindus, die Naturreligionen usw. sagen alle wieder etwas anderes, aber in Wirklichkeit ist alles derselbe Elefant. Es ist alles dieselbe göttliche Wirklichkeit.

Möglicherweise haben Sie den Haken des Beispiels erkannt: Wir als Betrachter des Bildes sind, im Gegensatz zu den sechs Männern, eben nicht blind, sondern können den Elefanten in seiner Gesamtheit sehen. Das Bild oben würde anders auch gar nicht funktionieren. Der Zeichner des Bildes sagt uns also: “Den sechs Leuten kommt es so vor, als ob der Elefant unterschiedlich sei, aber das ist er in Wirklichkeit gar nicht. Das Handicap der Blinden, das habe ich eben nicht, ich bin sehend und kann sagen: ‘Was sie für unterschiedliche Wirklichkeiten halten, ist in Wirklichkeit ein und dieselbe Wahrheit.”

Das mag für dieses “tierische” Beispiel noch durchaus lustig und nachvollziehbar sein. Münzen wir es allerdings auf die Ebene einer Person um, die da sagt: “Was die ganzen Religionen für unterschiedliche göttliche Wirklichkeiten halten, ist in Wirklichkeit ein und dieselbe göttliche Wahrheit”, dann haben wir es schlagartig mit einem Wahrheitsanspruch zu tun, der ausgereifter wohl nicht sein kann. Eine Person mit dieser Meinung behauptet letztlich: “Ich stehe über der Welt. Ich sehe, wie die Menschen sich um die Wahrheit bemühen. Da sind die Christen, Muslime, Buddhisten usw. Sie alle haben viel verstanden und begriffen. Aber in Wirklichkeit habe ich Recht, denn in Wirklichkeit ist alles derselbe Elefant.”

Sie merken sicherlich, der Wahrheitsanspruch “Alles ist irgendwie wahr” ist nicht wirklich eine “echte” Alternative zu einem Wahrheitsanspruch – eben aus dem Grund, weil er selbst ein absoluter Wahrheitsanspruch ist. Zudem ist diese vermeintliche Alternative auch nicht wirklich überzeugen, da sie große logische Probleme mit sich bringt. Wir haben da etwa gesehen: Buddhisten sagen, es gibt keinen Gott, Muslime sehen nun mal ganz anders. Sie würden auch sagen, dass man dadurch angenehm vor Gott wird, indem man sich das gute Taten verdient. Christen sagen hingegen, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Christen sagen, dass wir nicht durch unser Tun vor Gott angenehm werden, sondern durch das, was Jesus am Kreuz für uns getan hat. Es ist also noch nicht mal möglich, dass diese zwei Relig